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Passage von Island zurück nach Norwegen, 807 Seemeilen

Wer uns auf den Trackingeinträgen verfolgt und gelesen hat, weiss bereits sehr viel von unserer langen Zeit auf hoher See. Es ist daher sinnvoll diese Einträge nachzulesen, da sie ganz aktuell verfasst wurden, zwar mit vielen Schreibfehlern, sorry ging nicht anders.

Dieser Blogeintrag ist eine Zusammenfassung, ein Blick zurück oder mit anderen Worten Erinnerungen, wie dieser zum Teil sehr anspruchsvolle Schlag war.


In Heimaey war bereits am Dienstagabend Regenwetter, wie wir es bei unserer Islandrundtour nicht gehabt haben und für unseren Starttag Mittwoch war nichts anderes in Aussicht. Als wir auf dem Eldfell waren, spürten wir, dass der Wind von Osten kommt, das hat uns etwas irritiert, da wir zuerst das, als geeigneten Starttag sahen mit Westwind. Wir wollten diese beiden Vulkankrater noch anschauen und nicht einfach davon eilen, deswegen verschoben wir auf Mittwoch bei südlichen Winden.

Die Wetterdaten wurden am Abend nochmals geprüft und die beiden Skipper waren sich einig, dass früher als 10 Uhr ablegen nichts bringt, die Windverhältnisse seien da noch gegen uns und das Wetterfenster machbar sei, bei südlichen, auf west drehenden Winden.


Am Mittwoch war wirklich Wähwetter. Man sah nicht weit, alles war nass und in Nebel verhüllt. Mit etwas flauem Magen ass vor allem ich nur ein klein wenig Frühstück. Was wird wohl auf uns zukommen? Die Erinnerungen auf unsere Passagen von Norwegen-Färöer/ Färöer-Island waren nicht sehr schön. Die Rückfahrt soll, wenn das Wetter es zulässt, in einem Schlag direkt nach Norwegen nach Kristiansand (südwestlich gelegen) oder allenfalls mit einem Stopp auf den Shetlands, wenn das Wetter nicht so kommt wie vorhergesagt.

Dauer im Minimum 4.5 Tage wenn wir stoppen müssen oder ca. 8 Tage für die Fahrt nach Norwegen. Eine lange Zeit auf See und dies in einem Gewässer, welches sehr rau werden kann (Wetterküche), nochmals Neuland in allen Belangen für Peter und mich, was die Dauer am Stück anbelangt.

Amelia’s Wassertänke wurden noch gefüllt, die Leinen vorgelegt und wir waren in Ölzeug verpackt startklar zum Ablegen. Zeitgleich kam ein Kreuzfahrtschiff und legte vor unserem Hafenteil an der Quaimauer an, die Fähre zum Festland Island‘s fuhr auch vor uns ab, so hatten wir die Ausfahrt für uns alleine. Peter drehte extra noch eine Ehrenrunde. Es war ruhig, grau, nieselnd und alles wirkte einsam und verlassen.

Vor uns, Plotteransicht und hinter uns


Als wir aus dem sehr geschützten Teil auf’s Meer rauskamen wollte Peter gleich etwas Grosssegel (gerefft) setzen, da wir noch geschützt von den Klippen der Insel und der kleinen Insel vor der Ausfahrt auf der Backbordseite waren. Gesagt getan, Peter am Steuer, Hans am Schalter um das Segel raus zu lassen und ich an der Winsch. Der Regen wurde etwas stärker, das Gewell spürte man bereits etwas, ich schrieb schnell Logbuch, die Herren setzten den Yankee noch gerefft dazu und ich wollte zurück an Deck gehen, aber die beiden Männer kamen rein, da es zu hässlich draussen sei. Da waren wir gerade erst 2.5 Seemeilen (ca. 50 Min.) unterwegs.


Der Kippschalter wurde bei mir gedrückt, Ölzeug ab und hinlegen, Augen zu und schlafen, alles andere war zu viel. Raus aus der realen Welt, nicht mehr so sein können wie das Hirn es möchte. Zwei Welten treffen aufeinander und dies bereits kurz nach dem Start.

Damals dachte ich mir, das wird sich legen, aber dem war leider über 4 Tage nicht so. Wie kann man nur so enorm müde sein? Jede Aufstehphase wohlüberlegt, was wohl geht und was man lieber weglässt, im Hirn vorgeplant, aufgestanden und dann ist alles doch anders, weil man steht und sich im Geschaukel des Bootes lieber gleich wieder hinsetzt. Was verträgt man beim Essen, trinken sollte man auch und ja nicht raus auf die Wellen schauen, das geht überhaupt nicht merkte ich bald.

Wenn es etwas besser geht einen Trackingbericht schreiben, ja keine Konzentration aufwenden und nachlesen was man geschrieben hat ist zu viel Kopfarbeit, was auch heisst viele Schreibfehler.

Dann gibt es mal eine ruhige Phase mit wenig Gewell und man meint, jetzt ist man wieder fit, aber denkste es übernimmt dich erneut, auch wenn du nicht übertrieben hast. In all den Döse- und Schlafphasen kamen wirre Träume und viele Gedanken dazu. Man lernt seinen Körper neu kennen oder man meint es zumindest.

Was ist Seekrankheit überhaupt, was nützt dagegen, ist es eine reine Kopfangelegenheit, …..? Viele klagen darüber und jede Person hat ähnliche oder andere Symptome. Mein Vater meinte gestern beim Telefonieren über das Satelittentelefon: du warst ja auch nicht Seekrank und bist auf dem Meer, also Meerkrank. Meine Abänderung dazu: ich war mehr krank, als etwas anderes, auch wenn ich mich real nicht krank gefühlt habe. Abstellung per Knopf- oder Kippschalterdruck, fremdgesteuert ohne Einwirkung von Medikamenten, Drogen oder Alkohol.

Auch jetzt, wenn wir auf den letzten Seemeilen sind und ich diesen Blogeintrag zu Ende schreibe, muss ich erneut aufpassen, dass es mir nicht komisch in der Magengegend wird, etwas zu viel Konzentration oder zu langes Schreiben merke ich erneut.


Da wir wissen, dass Peter kurz nach der Abfahrt ab Bergen stark Seekrank war, denkt man sicher: wie hat er es auf dieser ruppigen Fahrt gehabt? Wie in einem Trackingbericht beschrieben wurde er kurze Zeit nach mir auch Seekrank, jedoch nicht so arg wie beim letzten Mal. Er lag nur am ersten Tag etwas herum und wenn er es nicht gut hatte, wartete er nicht lange und schluckte eine Tablette. Er zeigte dieser Seekrankheit, wer hier der Meister ist.


Wie sah es an Bord, während den 3.5 ruppigen Seetagen aus?

Im Boot ist es unangenehm, da es mehr und mehr an diversen Orten tropft. Viele Wellen schlagen auf das Boot, mal von Vorne mal von der Seite und daher wurde Amelia immer wieder frisch geduscht. Eine Welle kam so fest, dass das Wasser durch den geschlossenen Niedergang rein preschte.

Dann das mit den Dieselabgasen im Salon, welche uns zwangen, die Heizung abzustellen. Lüften nicht möglich wegen der Wellen. Unsere Vermutung war, dass durch das am Wind segeln das Abgasrohr sich mit Wasser gefüllt hat. Es wurde schnell mal kühl und kühler im Boot, überall Kondenswasser, welches zusätzlich zum rein tropfenden Wellenwasser noch dazu kam.

Diverse Fenster die undicht waren bei dem vielen nass. Die Koje von Hans wurde durch so eines unbrauchbar zum Schlafen, denn tropfte es auf die Backbordseite, auf der er bequem schlafen konnte, da wir auf dieser Seite im Wasser lagen (segeln auf Backbordseite). Schlafen auf der Steuerbordseite unmöglich, bei dieser Schräglage und ein Leesegel gibt es nicht (muss geändert werden). Der neue Schlafplatz für Hans war somit der Salon, ausgerüstet mit Kappe und Schlafsack.


Kochen, was ist das? Unter diesen hakigen Bedingungen kaum möglich und wer hätte da was gegessen? Die beiden Herren kochten sich zum ersten Mal am Freitag etwas Warmes. Das Gourmetmenu Tortellini mit Tomatensauce, damit sie es etwas gemütlicher zum Kochen war, verkleinerten sie die Segelfläche und sind dazu abgefallen. Mir wurde meine gewünschte Birne und später noch ein halbes Stück Gourmetbrot ans Bett gebracht.


Fotos: nein, Filmen: nein. Diese Zeit bleibt in uns verborgen. Die Wetterdaten werden immer wieder neu runtergeladen und die Hoffnung auf den bevorstehenden Windwechsel wünschen sich alle. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.


In der Nacht auf Samstag kam der Windwechsel, wir waren etwas südöstlich der Färöer. Es wurde endlich angenehmer. Am Morgen wird aus grau endlich ein Gemisch aus blau, weiss und zusehends sonniger.

Das Meer hat sich beruhigt wie wenn nichts gewesen wäre. Es gibt ein schöner Segeltag, die Essensgelüste kommen zurück, kochen ohne Probleme möglich. Wie umgedreht und kaum möglich, dass das, was mal war einfach weg war von Geisterhand.

Die neusten Wetterdaten sagen uns, dass um die Shetlands eine Windflaute kommen wird, jedoch auch, dass eine Starkwindphase aus Süden/Südosten bevorsteht und wir nicht „plämperlä“ dürfen. Es stellt sich heraus, dass Kristiansand nicht möglich sein wird, da viel Wind gegen uns am Schluss sein wird und so entscheidet man sich für Stavanger.

Die Wetterdaten veränderten sich jedoch nochmals auf weniger Wind, sodass wir seit den Shetlands nur mit Motor unterwegs sind.

Es ist ruhig geworden, zwei schöne Sonnenuntergangsstimmungen haben wir ohne Traffic genossen, alleine weit und breit, kaum eine Möwe, keine Delphine, kein Schiff, kein Funk einfach nur Amelia mit 3 Personen an Bord, welche einen schönen Sonntag verbringen. Ein Erholungstag für ALLE, denn auch Amelia ist gekennzeichnet, überall hat es eine Salzkruste, es muss geputzt werden. Die Gourmetsmenus sind zurück, die Herren haben am Sonntag sogar zweimal warm gegessen und am Abend gab es auch ein Glacedessert mit warmen Himbeeren und Schlagrahm.

Natürlich habe ich auch die beiden Skipper gefragt wie sie diesen Schlag persönlich empfunden haben.

Hans unser erfahrener Passagensegler und Anker an Bord:

Die ersten 3 Tage waren kalt, grau, ruppig, nass, windig und unangenehmes Segeln gewesen. Danach folgte ein schöner Segeltag wie Passatsegeln mit Wind und Wellen aus 8-erlicher Richtung. Ab den Shetlands alles unter Motor, da wir vor den Starkwindphasen in Stavanger ankommen wollen.

Ernährung die ersten 3 Tage nur mit Brot, Keksen, Schokolade, Banane oder kaum etwas davon. Die erste warme Mahlzeit nach 3.5 Tagen und von da an normalisierte sich das Bordleben langsam.

Am 4. Tag erstmals etwas Sonne am Himmel. Wärmere Temperaturen ab den Shetlands ohne Kappe draussen gut möglich und heute am 1. August nochmals eine Schicht weniger, da es draussen richtig angenehm warm ist.


Peter der Amelia Skipper:

Hässlich, diese kurzen steilen Wellen, welche angetrieben vom Südwind immer wieder über das Boot krachten. Amelia ist wohl ein starkes Boot, aber bei solch schwerem Seegang mit Wellen, die über das gesamte Boot hinüber brechen nicht überall ganz wasserdicht. Es hat kleine Ritzen und diverse kleine Öffnungen für Lüftung etc., welche bei Spritzwasser dicht sind, aber durch diese bei überkommenden Brechern da und dort Wasser eintreten. So waren wir immer wieder fleissig am Salzwasser aufwischen.

Seine Seekrankheit war auch da, aber nicht so stark wie bei der Passage nach Island. Es ging knapp ohne Erbrechen und er fühlte sich viel weniger lang müde und schlapp. Er funktionierte viel besser.

Ab den Färöern sei es besser gewesen mit dem Segelwetter und kein oder kaum Wind ab den Shetlands, als wir diese südlich passierten. Schönes und warmes Wetter am Schluss.

Die Wetterprognosen von PredictWind, welche wir jederzeit an jedem Ort, unbeschränkt über IridiumGo via Satellit herunterladen können, haben ihn sehr positiv fasziniert, wie das immer funktioniert hat. Diese Technik haben wir ja neu an Bord. Das „seamanpro“- Programm, welches wir bis anhin bei längeren Passagen benutzt hatten und das Abonnement immer noch vorhanden ist, haben wir nur einmal benutzt bevor wir Bergen verlassen haben. Es hat viel weniger Funktionen als PredictWind und wir können die Wetterdaten auch nicht über Satellit erhalten, zudem ist es kompliziert zu bedienen. Dieses Abo werden wir künden, denn bei PredictWind können jeweils 4 der 6 verschiedenen Wetterdaten Programmen heruntergeladen werden.


Amelia sagt uns auch noch was dazu:

Ich habe diese Passage gemeistert auch wenn es für die Crew ungemütlich war. Salzig bin ich aussen und ihnen. Geniesse nun die ruhige Fahrt in einen mir bekannten Ort. Es hat keine Schäden gegeben, die Crew ist wohl auf und bei den Essensvorräten ist es bei denen nie knapp geworden. Meine Bedürfnisse sind nach der Ankunft in Stavanger mit Blick auf eine Dieseltankstelle gerichtet. Das Abenteuer Island war ein Erlebnis wert, um mal zu zeigen was in mir steckt. Nun bin ich jedoch froh, dass wir bald in Stavanger ankommen werden, denn das viele Salz juckt mich ziemlich und eine Dusche habe ich nötig!


Heute am 1. August haben wir um 15 Uhr UTC eine Filmzelebration vollzogen, das Setzen der Gastlandflagge von Norwegen, dies war es uns wert.

Land in Sicht ist noch nicht, denn sind bis dort immer noch ca. 25 Seemeilen vor uns liegend.


Unser 1. August Gourmetmenu wurde am Nachmittag draussen an der warmen Sonne geschmiedet. Jeder durfte seine Wünsche sagen und daraus gab es dann ein kreatives Menu, die Vorspeise war damals nicht erwähnt.

Bei uns gab es:

Thonmousse auf getoastetem Heimaeybrot

Tomaten - Mozarellasalat auf Eisbergblättern, mit Frühlingszwiebeln und frischem Basilikum von unserem Bordgarten

Kartoffelsalat mit Rüebli und eingemachten Salzgurken dazu für

Hans: Rühreier

Peter: Hackbällchen aus Schweden

Moni: -

Dessert gab es erst nach dem Schönheitsschlaf von Skipper Peter

Erdbeer- und Schokoladeglace mit Schlagrahm und Guetzli mit Vanillefüllung


Nun ist es dunkel geworden um uns herum sieht man nur noch ein klein wenig Abendstimmung, dafür die Lichter vom Festland. Wir nähern uns dem Ziel, aber dauert es immer noch seine Zeit bis zum Anlegemanöver.

Einfahrt auf unsere Zielgerade nach Stavanger noch 1 Stunde bis ins Ziel, vorbei an Ölindustrieplattformen







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